Für Mobbing in Unternehmen gilt: Morgen ist heute (1/3)
Im Jahr 2025 veröffentlicht das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) eine repräsentative Studie zum Thema Mobbing in der Arbeitswelt in der Bundesrepublik Deutschland sowie den dazugehörigen wissenschaftlichen Bericht. Die Ergebnisse dieser Untersuchung, die unter der Leitung der Universitäten Leipzig und Dresden entstanden ist, sollen dazu beitragen, eine rechtlich belastbare Definition eines Begriffs zu etablieren, dessen gesellschaftlicher Gebrauch bislang unscharf bleibt. Häufig greift dieser Begriff auf das Vokabular physischer Dominanz zurück, um ein Phänomen psychischer Nötigung oder Unterdrückung zu beschreiben.
Auf Grundlage einer telefonischen Befragung wird der Anteil der Erwerbstätigen, die in den letzten sechs Monaten Mobbing erlebt oder beobachtet haben, auf 6,5 % geschätzt – das entspricht etwa drei Millionen Menschen. In der Einleitung definieren die Autoren Mobbing am Arbeitsplatz als eine Form zwischenmenschlicher Konflikte, die „weit über das Maß gewöhnlicher Konflikte hinausgeht“ und unterschiedliche Erscheinungsformen umfasst: persönliche Angriffe, Schikanen, Benachteiligungen und Ausgrenzung durch Kolleginnen und/oder Vorgesetzte. Entscheidend für die objektive Einordnung sind dabei vor allem die Systematik, die Dauer sowie die Zielgerichtetheit dieser psychischen Gewalthandlungen – eine Art „Hyperkonflikt“, dessen soziale und wirtschaftliche Kosten für Unternehmen und Gesellschaft zu Recht hervorgehoben werden.
Die Einordnung von Mobbing als „übersteigerter Konflikt“, also als unkontrollierbare Auseinandersetzung, ist keineswegs neutral. In der soziologischen Tradition wird Konflikt häufig als störendes oder disruptives Phänomen verstanden, das eine bestehende Ordnung beeinträchtigt und implizit negativ bewertet wird. Diese Perspektive führt meist zu einer ökonomischen Lesart (klassisch: die Realistic Conflict Theory), die auf Wettbewerbssituationen basiert und individuelle Interessen hedonistisch interpretiert. Die Einordnung als Konflikt erscheint somit als logische Folge der Dominanz von Modellen, die Belohnung, Schmerz und Risikobewertung in den Mittelpunkt individueller Entscheidungsprozesse stellen. Dieser stark amerikanisch geprägte Ansatz hat sowohl die Analyse von Diskriminierungsmechanismen (insbesondere in Bezug auf Geschlecht und Ethnie) als auch die internationale Diplomatie seit den 1970er Jahren beeinflusst – indem er die Welt als eine Art strategisches Spielfeld interpretiert. Während experimentelle Modelle für die Wissenschaft nachvollziehbar sind, wirft ihre semantische und damit letztlich juristische Übertragung hier erhebliche Probleme auf.
Die Interpretation von Mobbing als Konflikt verankert dessen Ursprung einerseits im breiten Geflecht historischer Konflikte, die westliche Gesellschaften geprägt haben: soziale, ethnische, religiöse oder geschlechtsspezifische Konflikte. Vor diesem Hintergrund entstehen zwangsläufig vereinfachende Deutungsmuster. Die Studie hebt daher neben den messbaren Kosten auch mögliche Ursachen wie Diskriminierung hervor – obwohl diese klar abgegrenzt und eigenständig behandelt werden könnte, wie es im Recht bereits der Fall ist. Andererseits führt diese Perspektive zu einer Essentialisierung sowohl der Ursachen als auch der Methoden von Mobbing. Wenn Zugehörigkeit oder Ausschluss aus einer Gruppe den sozialen Status bestimmen, nimmt der Konflikt selbst die Formen an, die aus experimentellen Wettbewerbssituationen bekannt sind.
Wenn die Universitäten Dresden und Leipzig einen Wert von 6,5 % präsentieren – vermutlich den zentralen Befund der Studie neben der Analyse systemischer Risiken –, so zeigt sich zugleich ein Mangel an Neugier: gegenüber dem Phänomen selbst, seiner Entwicklung, seinen zukünftigen Herausforderungen und seiner Einbettung in gesellschaftliche Strukturen. Den 5015 telefonisch befragten Personen wurde folgende Definition zugrunde gelegt:
- „Die Person fühlte sich durch Kollegen und/oder Vorgesetzte zu Unrecht kritisiert, schikaniert oder vor anderen bloßgestellt und erfüllt das Häufigkeitskriterium (Auftreten ‚täglich‘ oder ‚mindestens einmal pro Woche‘ in den letzten sechs Monaten).“
Auf den ersten Blick mögen diese klaren Kriterien begrüßenswert erscheinen. Doch der Vergleich zwischen der ministeriellen Studie und dem ausführlicheren wissenschaftlichen Bericht offenbart eine deutliche Vereinfachung sowohl der Definition als auch der beschriebenen Methoden. Wird Mobbing als Konflikt verstanden – also potenziell wechselseitig –, gleichzeitig aber als Ungerechtigkeit und Demütigung erlebt, nähert es sich der allgemeinen Vorstellung von schulischem Mobbing an. Der Arbeitsplatz erscheint dann wie ein Pausenhof, auf dem Interaktionen eskalieren und Einzelne ausgeschlossen oder schikaniert werden. Die Vorstellung eines „übersteigerten“ Konflikts stützt dabei eine paternalistische Sichtweise: die eines Lehrers, der eine außer Kontrolle geratene Situation als unproduktiv bewertet.
Gerade diese Perspektive erweist sich jedoch für Betroffene als problematisch. Wer Mobbingfälle meldet, stößt häufig auf Verharmlosung, Ablehnung oder Leugnung. Aussagen wie „Wir sind hier nicht im Kindergarten“ reduzieren zwischenmenschliche Konflikte auf etwas Betriebsfremdes und rechtfertigen so das Ausbleiben von Maßnahmen. Nach einer formalen Rüge setzt sich der Arbeitsalltag fort – sowohl für das Unternehmen als auch für die Täter. Diese Reduktion des Problems kommt letztlich einem Eingeständnis von Ohnmacht gleich und führt zum Nicht-Handeln.
Demgegenüber betont der wissenschaftliche Bericht das von Betroffenen häufig geschilderte Gefühl der Unfähigkeit, sich zu äußern, Gehör zu finden, die Situation analysieren zu lassen oder sich zu verteidigen. Ergänzend beschreiben die Forschenden die Methoden differenzierter: "Viele Betroffene berichten von Ausgrenzung, Schikanen und falschen Behauptungen, aber auch von Beleidigungen, Drohungen, der Zuweisung fachfremder Aufgaben oder dem Nichteinhalten von Absprachen. Einige schildern Mobbing zudem als schleichenden Prozess."
Die stark vereinfachten Kriterien der telefonischen Befragung deuten auf eine Tendenz zur Reduktion hin – vermutlich, um eine möglichst breite Verständlichkeit zu gewährleisten. Gleichzeitig zeigen viele Antworten, dass Befragte über diese Vorgaben hinausgehen und eine komplexere Realität des Mobbings beschreiben, die weit über die bekannten Formen schulischer Ausgrenzung hinausreicht. Bedauerlicherweise ist es jedoch nicht der wissenschaftliche Bericht, der im Zentrum der ministeriellen Kommunikation steht. Das vereinfachte Instrument richtet sich primär an Gesetzgeber und Unternehmen, wird oft nur oberflächlich rezipiert und läuft Gefahr, missverstanden oder unterschätzt zu werden – und schließlich in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Während die ministerielle Kommunikation sozialer Phänomene seit Langem problematisch ist, haben sich die Methoden des Mobbings stetig weiterentwickelt.